Meinung

Russische Eisbrecher – oder: Wie sich der Westen (auch) in der Arktis ins Knie schießt

Westliche Vertreter im Arktischen Rat sind bemüht, Russland aus dieser Organisation auszuschließen und zudem den Hohen Norden zu militarisieren. Doch erstens hat Russland ihnen militärisch genug entgegenzusetzen – und zweitens machen die übermütigen Halbstarken hier die Rechnung wortwörtlich ohne den Wirt.
Russische Eisbrecher – oder: Wie sich der Westen (auch) in der Arktis ins Knie schießtQuelle: Sputnik © Pawel Lwow

Ein Kommentar von Sergei Axjonow

"Wenn das Weib vom Wagen springt,
's Zugpferd vor Erleicht'rung singt."

Diese russische Redewendung ist eine der politisch denkbar unkorrektesten. Doch sie beschreibt umso besser den plötzlichen Beschluss einer Gruppe von sieben westlichen Ländern im Arktischen Rat, in Zukunft ohne Russland zu tagen, ohne Russland, das übrigens derzeit den Vorsitz der Organisation innehat. Im Jahr 2023 wird die Rolle des Koordinators auf Norwegen übergehen – natürlich nur, wenn es dann noch etwas zu koordinieren gibt. Denn auf der Startseite der Internetpräsenz des Rates heißt es:

"Der Arktische Rat setzt alle offiziellen Sitzungen des Rates und seiner Nebenorgane bis auf Weiteres aus."

Es sieht so aus, als stünde die Organisation damit kurz vor dem Aus. Russland wird die Arktis unter volle Kontrolle nehmen, nehmen müssen, wenn die Partner nicht zur Vernunft kommen. Der russische Botschafter in den USA Anatoli Antonow versuchte, den Verfassern der seltsamen Demarche geduldig zuzureden:

"Angesichts eines solchen Schrittes kann nicht nur Russland als Vorsitzender des Rates nicht anders als in Besorgnis zu kommen – sondern die gesamte internationale Gemeinschaft, die an einer weiteren nachhaltigen Entwicklung der Region interessiert ist."

Er bezeichnete diese Geschehnisse – mit Russlands militärischer Sonderoperation in der Ukraine als Anlass – als eine unzulässige Politisierung und erinnerte daran, dass Entscheidungen des Arktischen Rates ohne die Beteiligung Russlands illegitim seien, da sie gegen das Konsensprinzip verstoßen, das in den Grundsatzdokumenten dieser Organisation festgelegt ist. Das heißt, dass überhaupt keine Entscheidung ohne die formelle Zustimmung Moskaus getroffen werden kann. Und wer immer sie getroffen und zur Umsetzung angenommen hat, ist demzufolge ein Separatist.

Die Tatsache, dass es im Arktischen Rat mehrere Putschisten gibt und Russland ihnen gegenüber allein dasteht, gibt ihnen dennoch nicht mehr Rechte. Und die Betreffenden verstehen das sehr gut – das hört man am süßlichen Singsang und Gesäusel der westlichen Diplomaten:

"Wir beabsichtigen, unsere Aktivitäten im Arktischen Rat in begrenztem Umfang bei Projekten fortzusetzen, die keine Beteiligung Russlands vorsehen. Diese Projekte ... sind ein wichtiger Teil unserer Verantwortung gegenüber den Menschen in der Arktis, einschließlich der indigenen Völker."

Und sie versuchen gleich noch, für die Esel ein wenig Heu auszulegen – vorsorglich für alle Fälle:

"Wir sind davon überzeugt, dass der Arktische Rat für die Zusammenarbeit in der Region wertvoll bleibt, und wir bekräftigen unsere Unterstützung für dieses Forum und seine Aktivitäten."

Da seht ihr's: Separatisten.

Chronologisch gesehen ging das so: Am 3. März kündigten Dänemark (einschließlich Grönland, das ihm von den US-Amerikanern noch nicht weggenommen wurde, und den Färöer-Inseln, die ebenso von Kopenhagen abhängig sind) sowie Island, Kanada, Norwegen, die USA, Finnland und Schweden die Aussetzung der gemeinsamen Arbeit mit Russland an. Am 8. Juni erklärten sie sich bereit, nun unter Umgehung Moskaus weiterzuarbeiten. Wenn wir die Dinge beim Namen nennen, also so eine Art Schachzug mit dem Ziel, den bisherigen Arktischen Rat zu zerstören, der bisher solidarisch im Interesse der gesamten Region arbeitet. Oder, wenn dies scheitern sollte, zumindest Probleme und Unannehmlichkeiten für Russland zu schaffen. Etwas Ähnliches spielt sich in letzter Zeit auf vielen internationalen Ebenen ab.

Unter dem Gesichtspunkt der Interessen der Arktis – als einer ganzheitlich zu fassenden Region – wirkt der Versuch, Russland auszuschließen, schlicht albern. Man betrachte nur die nördliche Hemisphäre der Erdkugel: Der russische Sektor (und der Anteil eines jeden Staates richtet sich nach der Länge seiner Küstenlinie) ist riesig und macht gut die Hälfte der gesamten Polarregion aus. Auf Russland entfallen 80 Prozent der gesamten biologischen Vielfalt in der Arktis (ökologische Bedenken waren einer der Gründe, warum Kanada im Jahr 1996 den Arktischen Rat überhaupt ins Leben rief), Russland ist die Heimat von mehr als 60 Prozent der indigenen Völker dieser Region. Und auf Russland entfallen auch 70 Prozent der wirtschaftlichen Aktivitäten in der Region. In gewissem Sinne ist die Arktis Russland, und der Pool aller anderen Staaten ist ein durchaus wichtiger, aber eben doch nur zusätzlicher Faktor.

Die Welt ist allerdings eindeutig in eine Ära eingetreten, in der die gegebenen globalen Formate zusammenbrechen – und neue Trennlinien entstehen. Derartige Trennlinien werden auch in der Arktis vorgezeichnet. Von wem? Von den USA. Es kann keinen Zweifel darüber geben, dass Washington hier seine deutliche Spur hinterlässt. Die Arktis solle am besten Opfer einer neuen geopolitischen Konstellation werden. Deren Wesen besteht auch hier in dem Versuch, Russland zu isolieren und daran zu hindern, seinen arktischen Sektor vollständig kontrollieren zu dürfen und legitime Vorteile aus dessen Ausbeutung in Form der Förderung natürlicher Ressourcen und der Nutzung neuer Logistikwege zu ziehen.

Im Idealfall würde der Westen selbst gern seine Hufe in Russlands Reichtümer in der Arktis schlagen, ganz gemäß der über Jahrhunderte gepflegten Unart von Kolonialherrschaft.

Die Beweise für die aggressiven Absichten der "Partner" sind offenkundig: Die USA wollen den russischen Arktissektor im Westen und Osten physisch blockieren. Der bevorstehende Beitritt Schwedens und Finnlands zur NATO wird es diesem Bündnis ermöglichen, in diesen beiden Ländern neue Militärstützpunkte zu errichten und somit die Kontrolle über den maritimen Zugang westwärts zum Atlantik vom russischen arktischen Sektor aus zu festigen. Und die neu gebildete 11. Luftlandedivision in Alaska mit einer Stärke von 12.000 Mann, die den romantischen Spitznamen "Arctic Angels" erhalten hat, wird die NATO-Streitkräfte östlich von Russland in der Beringstraße verstärken. Anstelle von Kooperation in der Arktis wird der Menschheit auch dort noch die Militarisierung beschert.

Washington hat dieses Szenario bereits von langer Hand vorbereitet. Vor fünf Jahren schon hieß es im Protokoll einer Sitzung des US-Kongressausschusses für die Entwicklung der Arktis, dass der Wettbewerb zwischen Russland und den Vereinigten Staaten in der Arktis genauso groß und wichtig sei wie das Wettrennen im Weltraum. Es hieß gar, dass derjenige, der die Arktis erobern kann, am Ende die globale Führung übernehmen werde. Wahrscheinlich übertreiben die hierauf spezialisierten US-Beamten ja auch die Bedeutung ihres Arbeitsbereiches, wie alle Bürokraten dies zuweilen tun. Doch der grundsätzliche Kurs ihrer Gedanken ist verständlich. Die US-Amerikaner, nicht die Russen, sollen den appetitlichen Happen bekommen – dafür darf man auch sämtliche Formate von Kooperation demontieren und mit dem Rasseln (keines) Säbels beginnen.

Nun, es wäre nicht das erste Mal, dass Russland unfreundliche "Partner" besänftigen muss. So wurde denn auch dieses Szenario von Moskau bereits eindeutig ins Auge gefasst – und es wurden entsprechende Maßnahmen ergriffen. Wir konnten erfahren, dass das russische Verteidigungsministerium Stützpunkte in der Arktis errichtet hat (etwa sei der berühmte Stützpunkt "Arktisches Kleeblatt" auf dem Archipel des Franz-Josef-Landes erwähnt), wir vernahmen manches über all die letzten Jahre. Der Militärcluster in Murmansk ist ohnehin traditionell ziemlich stark. Auch im Osten hat Russland dem Pentagon etwas entgegenzusetzen: So wurde in Tschukotka eine neue Division der Küstenverteidigung aufgestellt, die ein wichtiges Glied im einheitlichen Verteidigungssystem der russischen Küste von Primorje bis zur Kola-Halbinsel geworden ist. Hey, Yankees, können wir über die Beringstraße schießen oder nicht?

Bei alledem geht es uns nicht um eine Militarisierung der Arktis durch Russland. Vielmehr stellt Moskau den Westen jetzt erst faktisch vor die Wahl: Wenn ihr mit uns in der Region friedlich zusammenarbeiten wollt – dann seid ihr herzlich willkommen, und zwar im Rahmen des Arktischen Rates. Zieht ihr jedoch eine Konfrontation am Rande des Abgrunds eines militärischen Zusammenstoßes vor – dann ist es sehr schade drum, aber dann sind wir auch für ein solches Szenario gewappnet. Ihr solltet es nur später nicht bereuen müssen ... Wie bei allen anderen Angelegenheiten in unserer gemeinsamen Geschichte, sind manche "Partner" gegenüber gutgemeinten Argumenten in freundlichem Ton leider etwas begriffsstutzig.

In der Zwischenzeit hatte Moskau (klugerweise mit der Möhre im Blickfeld und der Peitsche unaufdringlich im Halfter) den Ausbau der Infrastruktur des nördlichen Seeweges fortgesetzt. Die ist jetzt im Grunde fertiggestellt und die ersten Erprobungs-Passagen von Schiffen sind schon länger im Gange – bisher erfolgreich. Und da kommt noch mehr. Schließlich wird mit der Verabschiedung eines entsprechenden Gesetzes der konkurrenzlos effiziente russische zivile Konzern Rosatom bald der Betreiber des Projekts sein. Denn Eisbrecher mit Nuklearantrieb sind der Schlüssel zur Arktis, ohne sie geht dort gar nichts – und nur Russland verfügt über eine vollwertige Eisbrecherflotte. Hingegen sind die anderen Mitglieder des Arktischen Rates hier in der Tat Fußvolk ohne "Pferde". Jahrelang hat man in Moskau so getan, als würde man sie als Erwachsene anerkennen – aber jetzt zicken die Gören wie wild herum, sind ausgerastet und haben für sich beschlossen, nun erwachsen zu sein. Nun ja – warten wir mal ab.

Übersetzt aus dem Russischen

Sergei Axjonow ist Journalist, Politologe und Schriftsteller. Er blickt auf eine turbulente Laufbahn als Politiker und politischer Aktivist (Nationalbolschewisten, "Anderes Russland") sowie Menschenrechtsaktivist in Russland zurück.

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