Meinung

Die EU verschaukelt Umweltschützer, indem sie "grüne" Energie neu definiert

Wie altbekannte Energiequellen in einer Krise plötzlich zu etwas "Neuem" wurden und deren CO₂-Bilanz vorderhand keine Rolle mehr spielt, solange es "Russland schadet". Die Geschichte eines Irrlaufs.
Die EU verschaukelt Umweltschützer, indem sie "grüne" Energie neu definiertQuelle: Gettyimages.ru © Hiroshi Watanabe / Stone

von Rachel Marsden

Jahrelang sah die westliche Welt Gewinne in neuen grünen und erneuerbaren Energiesektoren und besang aus ihrem Buch der Lobeshymnen die Notwendigkeit, den CO₂-Fußabdruck durch den Verzicht auf fossile Brennstoffe zu verringern oder eine weitere potenzielle Umweltkatastrophe im Stil von Tschernobyl und Fukushima durch den Verzicht auf Kernenergie zu vermeiden.

Westliche Staaten begannen ihre Bürger entweder bei den Ohren zu nehmen oder sie unter Zuhilfenahme von Tritten und Drohungen in eine neue Welt voller fragwürdiger grüner Träume zu schleppen – alles, um angeblich zu verhindern, dass die Temperatur der Erde um 1,2 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau ansteigt. Viel Glück dabei, die Temperatur des eigenen Wohnzimmers über einen längeren Zeitraum auf ein Grad genau zu kontrollieren, ganz zu schweigen von der Temperatur des gesamten Planeten. Dennoch einigten sich die Regierungen auf einen Vorwand für die grüne Wende, wie zwielichtig der auch immer war, und trieben neue Investitionen und grüne Unternehmungen voran. Der europäische "Grüne Deal" war mit Investitionen in Höhe von 1,8 Billionen Euro ein Kernstück der grünen Strategie des kollektiven Westens.

Mittlerweile ist aber klar geworden, dass die EU es versäumt hat, ihre Projekte rechtzeitig auszuweiten, um die katastrophale Energiekrise abzufedern, die durch die geniale Entscheidung verursacht wurde, die eigene Gasversorgung aus Russland zu sanktionieren, nur um dem russischen Präsidenten Wladimir Putin den Mittelfinger zu zeigen. Unglücklicherweise für Deutschland, die führende Volkswirtschaft der EU, hatte das Land ein paar zu viele Wetten auf heimische grüne Projekte gesetzt, ohne eine nachhaltige Alternative zu seiner Abhängigkeit von Energieimporten aus Russland zu schaffen, um Europas wichtigsten Industriemotor am Laufen zu halten.

Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich seitdem bemüht, Telefonleitungen von Katar bis nach Kanada zum Glühen zu bringen, um alternative Quellen für Erdgas zu finden, ohne dass eine unmittelbare Lösung des Problems in Sicht wäre. Unterdessen warnt die Deutsche Industriekammer vor Betriebsschließungen, während die deutschen Behörden sich auf Energie- und Wasserrationierung und einen sehr harten und prekären Winter vorbereiten.

Berlin konnte beinahe nicht einmal revidierte Gaskompressoren für seine eigene, gemeinsame Pipeline mit Russland, Nord Stream 1, zurückbekommen, weil westliche antirussische Sanktionen deren Rückgabe blockierten.

Natürlich gibt es noch eine andere Option, die buchstäblich faul herumliegt: Die Pipeline Nord Stream 2, die bereits vor dem Ukraine-Konflikt von Washington in einem Akt imperialer Macht gegen die Wirtschaft der EU sanktioniert wurde. Deutschland weigert sich seither standhaft, diese Pipeline aufzudrehen. Denn: Was ist schon eine kleine nationale Energieknappheit, wenn man damit Putin zwingen kann, den Schalter umzulegen, um damit das Gas zu einem anderen Kunden umzuleiten, nicht wahr? Das wird ihm sicherlich eine Lehre sein. Währenddessen, gleich nebenan in Frankreich, haben offizielle Stellen des zweitgrößten Wirtschaftsmotors der EU die westliche Solidarität beteuert und die antirussischen Sanktionen bekräftigt – während Paris diskret seine Position als größter Importeur von russischem Flüssigerdgas genießt.

Die Energieknappheit aufgrund von Sanktionen inmitten des Konflikts in der Ukraine hat eine noch verzweifeltere Notwendigkeit zu einer Kehrtwende bei den grünen und erneuerbaren Energien geführt. Das Parlament der Europäischen Union hat in diesem Monat dafür gestimmt, die Kriterien darüber, was grüne Energie auszeichnet, offiziell neu anzupassen, indem einfach die Kennzeichnung von Investitionen in Gas- und Kernenergie in "grün" geändert wurde. Umweltschützer müssen einem schon fast leidtun.

Was kommt als Nächstes? Wird Deutschlands Rückkehr zur schmutzigen Kohle in seiner Verzweiflung nach Energie bald auch als "grün" eingestuft? Bei der derzeitigen Geschwindigkeit der Entwicklungen wäre nichts überraschend.

Man stelle sich vor, ein Umweltschützer in einem kafkaesken Gespräch mit einem EU-Beamten zu sein, der versucht zu erklären, dass fossile Brennstoffe jetzt genauso "grün" sind wie ein mögliches zukünftiges Tschernobyl oder Fukushima, obwohl die offizielle Politik bisher genau das Gegenteil vertrat. Man würde sich genauso verschaukelt vorkommen wie jemand, dessen Ehepartner beteuert, dass das Pornobild, das die Person gerade auf dessen Handy gesehen hat, nicht existiert.

Einige Offizielle versuchen, zumindest ein Lippenbekenntnis für die Idee abzulegen, an der Klimaagenda festzuhalten, während sie in der Realität hart und schnell von dieser Strategie zurücktreten.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck ist offenbar einer dieser Funktionäre. "Auf der einen Seite spitzt sich die Klimakrise zu. Andererseits zeigt die Invasion Russlands, wie wichtig es ist, aus fossilen Brennstoffen auszusteigen und den Ausbau erneuerbarer Energien voranzutreiben", sagte Habeck im vergangenen April. Aber diese erhabene Haltung nahm er ein, bevor die Auswirkungen der EU-Sanktionen ihre Mitgliedstaaten in die Flucht trieben – und zwar direkt in Richtung aller verfügbaren Quellen fossiler Brennstoffe.

Die Änderung der Semantik zugunsten wirtschaftlicher Interessen zum Leidwesen von Umweltschützern begann wohl mit Paris. Vor dem Ukraine-Konflikt erlebte Frankreich lange Zeit den Gegenwind von Umweltschützern wegen seiner Atomkraftwerke, die vernachlässigt und mittlerweile korrodieren, dies mit der Absicht, die Atomkraftwerke schrittweise vom Netz zu nehmen und abzuschalten, um sie durch umweltfreundlichere und erneuerbare Energien zu ersetzen.

Aber dann löste der französische Präsident Emmanuel Macron Anfang dieses Jahres das Image- und Abhängigkeitsproblem des Landes im Bereich Atomenergie, indem er erfolgreich bei der Europäischen Kommission für eine Kennzeichnung von Atomenergie und Erdgas vorsprach, um beides als umweltfreundlich und "grün" zu deklarieren – gerade rechtzeitig für Macron, um im Wahlkampf eine neue französische "nukleare Renaissance" und den Bau von 14 neuen Kernreaktoren zu proklamieren.

Was einst schmutzig war, ist jetzt durch magische Hand sauber geworden, und was einst eine schmutzige Vergangenheit hatte, ist jetzt die vielversprechende Zukunft – alles im Handumdrehen. Vergessen Sie Windräder und Sonnenkollektoren – die Zukunft nachhaltiger, sauberer Energie sind fossile Brennstoffe aus Erdgas und Kernreaktoren, was eindeutig ein Triumph des Pragmatismus über die Ideologie ist.

Während Berlin, Paris und andere europäische Hauptstädte darum kämpfen, russisches Gas zu ersetzen, während man dort auf einen Winter mit potenzieller Energieknappheit starrt, sind alle Wetten offen. Verzeihung, liebe Umweltschützer. Die EU hat nun mal nicht mehr den Luxus, sich über die falsch gewählte Wohnzimmertapete zu ärgern, während das Haus in Vollbrand steht.

Übersetzt aus dem Englischen.

Rachel Marsden ist eine Kolumnistin, politische Strategin und Moderatorin eines unabhängig produzierten französischsprachigen Programms, das auf Sputnik France ausgestrahlt wird. Ihre Website finden man unter rachelmarsden.com.

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