Russland

Bis zum Herbst wird der Ukraine-Konflikt Ergebnisse zeigen – was danach kommt, liegt am Westen

Russland befindet sich im militärischen Konflikt mit der Ukraine auf der Straße zum Sieg. Aber die Absicht Moskaus, eine allgemeine Mobilisierung der russischen Reserven zu vermeiden, bedeutet auch, dass der Vormarsch weiterhin zäh voranschreiten wird.
Bis zum Herbst wird der Ukraine-Konflikt Ergebnisse zeigen – was danach kommt, liegt am WestenQuelle: Sputnik © http://sputnikimages.com/search/?query=Viktor%20Antonyuk&area=author

Eine Analyse von Sergei Poletajew

Am vergangenen Wochenende wurde das Territorium der Volksrepublik Lugansk vollständig von der ukrainischen Besatzung befreit. Dies ist nicht nur eine symbolische Etappe innerhalb der Gesamtschlacht um den Donbass, sondern auch der Abschluss einer bedeutenden Militäroperation. Der Kampf entlang der Linie Rubeschnoje–Sewerodonezk–Lissitschansk ist, nach der Schlacht um Mariupol, die zweitgrößte, die bisher ernsthaft ausgetragen wurde.

Die Ergebnisse sind widersprüchlich. Einerseits sind diese Erfolge viel bescheidener, als man sich im Frühjahr erhofft hatte. Der Gegner – also die ukrainischen Streitkräfte – wurde bisher nicht besiegt und die Kräfte im Gebiet von Donezk noch nicht vollständig eingekesselt. Schlimmer noch, bisher gab es auch keinen Versuch einer Einkesselung dieser Kräfte.

Stattdessen ist die russische Armee im Verbund mit den Streitkräften der Donbass-Republiken sowie den Einheiten aus Vertragssoldaten zur Taktik übergegangen, die Verteidigungslinien der ukrainischen Streitkräfte langsam, aber stetig mithilfe von Artillerie aufzubrechen. Man könnte dies als moderne Wiederholung des Prinzips der Kriegsführung im Ersten Weltkriegs bezeichnen: "Artillerie verwüstet, Infanterie flutet."

Ein Grund dafür ist ein Mangel an kampfbereiten Truppen, was auf die Weigerung der russischen Führung zurückzuführen ist, eine generelle Mobilisierung der Reserven anzuordnen. Die Streitkräfte der Volksrepubliken Lugansk und Donezk, die Vertragssoldaten der privaten Wagner-Miliz und die Russische Garde nehmen zwar die Rolle einer regulären Infanterie ein, aber die Dichte der vorrückenden Kolonnen liegt immer noch drei- bis fünfmal unter dem Soll, das in solchen Situationen normal wäre, was das Tempo des Vorrückens beeinflusst. Die Folge ist die Unfähigkeit der vorrückenden Seite, die Frontlinie mit schnellen Angriffen zu durchbrechen und den Gegner einzukesseln.

Dies ermöglicht den ukrainischen Streitkräften, eine Verteidigungsstellung in einer bestimmten Siedlung bis zum letzten Mann zu halten und sich dann mit den fähigsten aus den Einheiten zurückzuziehen, wobei das schlecht ausgebildete "Kanonenfutter" der Territorialverteidigung zur Deckung des Rückzugs zurückbleibt. Diese Taktik der ukrainischen Seite hat ihre Tücken: Beim Rückzug muss teilweise schweres Gerät aufgegeben werden, während beim Rückzug selbst zusätzliche Verluste durch Artillerie- und Luftangriffe entstehen.

Auf der anderen Seite verfeinert und perfektioniert die russische Armee ihre Angriffsoperationen, wie das Tempo der Offensive zeigt: Die kleinste der drei oben genannten Städte, Rubeschnoje, war zwei Monate lang umkämpft, Sewerodonezk wurde innerhalb eines Monats eingenommen, während Lissitschansk innerhalb von anderthalb Wochen gefallen ist. Unterwegs konnte zudem südlich von Lissitschansk zeitgleich ein Kessel entlang der Linie Gorskoje–Solotoje halbwegs geschlossen werden.

Das russische Oberkommando scheint sich dieser Probleme bewusst zu sein, sodass es sich in den ersten Tagen des Juli, als das Schicksal von Lissitschansk bereits entschieden war, nicht darauf konzentrierte, einen engen Ring der Einkesselung zu bilden, sondern so weit wie möglich nach Westen vorzudringen, dem zurückweichenden Gegner stets auf den Fersen bleibend. Infolgedessen näherte sich die Front der nächsten ukrainischen Verteidigungslinie: Sewersk–Soledar–Artjomowsk (Bachmut). Dies sind drei dicht bebaute Städte, zwischen denen sich entlang einer Eisenbahnlinie und eines Flusses kleinere Siedlungen befinden. Das nördliche Ende dieser Linie grenzt an den für Russland schwer zu überquerenden Fluss Sewerski Donez, während es im Süden an die Befestigungen des ukrainischen Militärs grenzt, die in den Jahren vor dem Krieg entlang der Kontaktlinie errichtet wurden.

Dies deutet auf das wahrscheinliche Ende der Operationen in diesem Bereich hin, auf die eine Kampfpause zum Ausruhen und zur Verstärkung folgen wird. Wo also wird die nächste große Offensive stattfinden? Es gibt mehrere Möglichkeiten.

Erstens wäre es möglich, im nördlichen Teil der Volksrepublik Donezk Erfolge zu erzielen, indem man die oben erwähnte Linie Sewersk–Artjomowsk (Bachmut) durchbricht und aufspaltet.

Zweitens wäre es möglich, von Isjum und Bogoroditschnoje aus in den hinteren Teil der Linie Slawjansk–Kramatorsk zu ziehen, der letzten großen ukrainischen Hochburg in diesem Gebiet. Die russischen Streitkräfte konnten hier im April und Mai am Südufer des Sewerski Donez einen soliden Brückenkopf schaffen. Kiews Streitkräfte sind sich der Verwundbarkeit ihrer Position im Klaren und belästigen die russischen Streitkräfte ständig mit Sabotageaktionen, die durch die dichten Wälder rund um Isjum erleichtert werden.

Drittens zwingt der ständige Beschuss von Donezk durch ukrainische Artillerie Moskau und seine Alliierten dazu, überhaupt in diesem Gebiet zu handeln. Das Ziel ist, die Frontlinie mindestens 20 bis 30 Kilometer von der Stadt und somit außerhalb der Reichweite der ukrainischen Artillerie zu verschieben. Bisher hatte Russland in diese Richtung wenig Erfolg: Bereits im Frühjahr wurde die Frontlinie zusammengepfercht und nördlich von Donezk bei Werchnetorezkoje ein Brückenkopf geschaffen, während südlich der Stadt ein ähnlicher Brückenkopf bei Marinka aufgegeben werden musste.

Und viertens sieht die Linie Cherson–Nikolajew vielversprechend aus, weil die Ukrainer dort vergleichsweise wenige Streitkräfte versammelt haben und die Stadt Nikolajew von da aus nur einen Steinwurf weit entfernt ist.

Doch wie sieht es beim Gegner aus? Derzeit ist die ukrainische Armee absolut unfähig zu offensiven Aktionen – trotz ständiger Gerüchte über eine bevorstehende Gegenoffensive. Aber wenn Waffen angehäuft und mobilisierte Reservisten ausgebildet werden können, dann könnten die dortigen ukrainischen Streitkräfte versuchen, die Initiative zu ergreifen. Der Norden der Region Cherson und die Stadt Cherson selbst scheinen für Kiew die bevorzugten Gebiete zu sein, um eine solche Operation durchzuführen.

Bisher sind alle bisherigen Angriffsversuche der Ukrainer gescheitert, aber die schwache Aufstellung und die Ausdehnung der russischen Truppen in der Region Cherson – etwa 20 Kilometer Frontlinie pro taktischer Bataillonskampfgruppe – bieten die Chance, sich einen Vorteil in dieser Richtung zu verschaffen, der Moskau und seinen Truppen Kopfschmerzen verursachen könnte.

Ein weiteres Einsatzgebiet ist die nördliche Region Charkow, in der Kiew versucht, die Frontlinie von der Stadt wegzudrängen, während die russischen Truppen versuchen, die ukrainischen Truppen daran zu hindern, näher an die russische Grenze zu gelangen. Von diesem Sektor aus findet der häufigste Beschuss auf russisches Territorium statt, dessen erstes Opfer kürzlich die Stadt Belgorod wurde und bei dem auch Menschen zu Tode kamen.

Beim Versuch einer Offensive wird die Ukraine mit den gleichen Problemen konfrontiert sein, die Russland auch hat, nur in viel größerem Umfang. Kiew hat einen leichten Vorteil bei der Infanterie, aber ihr fehlt das Rückgrat der Landkriegsführung, die Artillerie, wobei die westlichen Lieferungen dieser Waffensysteme schätzungsweise nicht einmal einen Bruchteil der Verluste decken.

Dadurch werden schnelle Durchbrüche unmöglich, während das langsame Tempo des Vormarschs es Russland ermöglicht, unverzüglich seine Artillerie hochzufahren und jede Gefahr im Keim zu ersticken. Zusätzlich verschärft die totale Überlegenheit Russlands in der Luft das Problem für die ukrainische Seite maßgeblich.

Aber selbst die derzeitigen Lieferungen von westlichen hochpräzisen Artilleriesystemen in Kombination mit westlichen nachrichtendienstlichen Daten reichen aus, um russische rückwärtige Gebiete zu bombardieren. Beispielsweise wächst die Zahl der von der ukrainischen Armee getroffenen Waffendepots – eine schwache, aber doch spürbare Reaktion auf Russlands tägliche "Rekalibrierung" der Kiewer Waffen- und Munitionsvorräte.

In Ermangelung greifbarer Erfolge muss sich Kiew wieder einmal auf virtuelle Offensiven beschränken – und es muss konstatiert werden, dass Moskau dabei mitspielt. Am 30. Juni beispielsweise evakuierte Russland die berüchtigte Schlangeninsel im Schwarzen Meer, die am ersten Tag der militärischen Spezialoperation eingenommen worden war. Das kleine Territorium war ein Überbleibsel des Versuchs im vergangenen Februar, überall gleichzeitig anzugreifen, und es ist überraschend, dass Moskau es geschafft hat, die Insel so lange zu halten.

Tatsächlich stand die russische Garnison auf der Insel unter ständigem Beschuss und konnte die Gewässer um sie herum nicht kontrollieren. Es gab auch keine Möglichkeit, die Küstenbatterien während eines Beschusses einzusetzen.

Die Marschrichtung der russischen militärischen Kampagne lässt sich bis zum Herbst hin folgendermaßen auslegen: Russland wird weiterhin die Gebiete im Donbass zurückerobern, während die Ukraine versuchen wird, mit mindestens einer echten statt einer virtuellen Offensive darauf zu reagieren. Die Ergebnisse beider Aktionen werden den Schlussstrich unter die erste Phase des Feldzugs ziehen.

Wird dies das Ende der Kämpfe bedeuten, auf die ein Waffenstillstand folgen wird? Vieles hängt dabei von der Position der EU und der USA ab, die offenbar nicht nachgeben wollen und sich auf einen langen Winter in einem Zustand des Wirtschaftskriegs mit Russland vorbereiten. Aber das ist ein Thema für eine andere Analyse.

Sergei Poletajew ist Mitbegründer und Herausgeber des Vatfor Project.

Übersetzung aus dem Englischen.

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