Meinung

Muss die russische Armee ukrainische Partisanen fürchten?

Selenskij spricht nicht nur von einer millionenstarken Armee, er redet auch von ukrainischen Partisanen. Kann es sie geben? Oder meint er eine Truppe von Terroristen wie die UPA nach 1945? Wie ernst muss man solche Bemerkungen nehmen?
Muss die russische Armee ukrainische Partisanen fürchten?Quelle: www.globallookpress.com © Scherl

von Dagmar Henn

Der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij droht laut dem Spiegel nicht nur mit einer Armee von einer Million Mann, er erklärt auch, die russischen Truppen fänden nirgendwo ein sicheres Hinterland und hätten dank der Tätigkeit ukrainischer Partisanen inzwischen Angst vor der ukrainischen Armee. Diese Aussage, die sich momentan eher auf Sabotageeinheiten des Militärs als auf wirkliche Partisanen bezieht, soll natürlich besagen, überall in der Ukraine würde sich anhaltender bewaffneter Widerstand entwickeln.

Partisanen ... – ein Begriff, der viele Bilder aufruft: von Hemingways "Wem die Stunde schlägt" über die griechischen Berge bis zur Sierra Maestra und dem bärtigen Trupp um Fidel Castro, und im Hintergrund immer die Vorstellung eines Kampfes für das Recht, von Unten gegen Oben. Eines Morgens in aller Frühe, Bella Ciao, Bella Ciao ...

Wenn Selenskij von Partisanen spricht – das kann er nicht gemeint haben. Er kann es schon deshalb nicht gemeint haben, weil jene Ukrainer, die dieser Vorstellung von Partisanen entsprechen, die waren, die mit der Roten Armee gegen die Naziwehrmacht kämpften. Und er kann es nicht gemeint haben, weil die ukrainischen Nazikollaborateure, die nach 1945 in der sowjetischen Ukraine weiterkämpften, einer völlig anderen Kategorie angehören, die mit anderen Bildern und Gefühlen verbunden ist, nämlich jener, zu der auch der IS gehört, und die mit dem Wort Terroristen weit treffender bezeichnet sind.

Nicht weil sie zur anderen Seite gehörten und sie sich nach den Nazis auch von der CIA und dem MI6 führen ließen. Sondern weil sie ihren Krieg gegen die und nicht mit der Bevölkerung führten. Weil sie sich nicht militärische Ziele suchten, sondern Dörfer überfielen und die Einwohner abschlachteten. Und "schlachten" ist hier keine Metapher, sondern ein wörtlich gemeinter Eindruck der angewandten Methoden. Diese Anhänger von Bandera und Co. waren außergewöhnlich brutal und verfolgten nicht ansatzweise das Ziel, die Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern, sondern nur das, die sowjetische Entwicklung zu zerstören.

Wer sich für die Details interessiert, mag sie im Internet finden. Das russische Verteidigungsministerium hat in letzter Zeit ganze Stapel alter sowjetischer Akten über diese Truppen veröffentlicht. Der Hinweis möge genügen, dass Enthauptungen auf der Skala der Barbarei noch zu den harmloseren Methoden gehörten.

Das jedenfalls sind die "Helden der Ukraine", auf die sich die ukrainischen Regierungen seit 2014 beziehen. Die großen, gefeierten Vorbilder. Gibt es irgendeinen Grund zu erwarten, dass irreguläre Einheiten, die im Gefolge einer solchen Regierung gebildet werden, anders agieren als ihre historischen Vorbilder?

Nun gehören Truppen, die man im gegnerischen Hinterland belässt, spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg zur normalen militärischen Strategie. Die NATO hatte ihre "Gladio"-Truppen, und sicher noch bis heute Äquivalentes, aber auch in der NVA wurden Einheiten ausgebildet, die imstande sein sollten, hinter eventuell einmarschierenden NATO-Truppen zu agieren und zu diesem Zweck etwa westliche Fahrzeuge fahren lernten. Es ist also auch im Zusammenhang mit einer durch die USA und die NATO gesteuerten ukrainischen Armee keine Überraschung, dass solche Strategien geplant und umgesetzt werden.

Die Anschläge, die in den letzten Wochen auf Mitarbeiter der Verwaltung in Cherson stattfanden, dürften solchen Truppen zuzuschreiben sein. Ein festgenommener Angehöriger eines solchen Trupps berichtete auch, er sei schon 2015 von der NATO ausgebildet worden, und habe zuletzt als normaler Bürger getarnt in Cherson gelebt. Diese Tätigkeit werde über die Spezialeinheiten der Ukraine koordiniert und stünde unter dem Kommando von Selenskij.

Klar ist, solche "Stay Behind"-Einheiten richten Schaden an, auch wenn ihre Abwehr eher eine polizeiliche als eine militärische Aufgabe darstellt. Wie leicht oder wie schwer diese Aufgabe wird, ist vor allem eine politische Frage. Im Volk schwimmen wie ein Fisch im Wasser dürften diese Einheiten in den Gebieten, in denen die russische Armee bisher steht, eher nicht; dafür war das Votum im Donbass 2014 zu deutlich, auch wenn die deutsche Presse diese Tatsache verschweigt.

In allen Texten, die sich mit Erfahrungen aus echten Partisanenkämpfen, nicht solchen im feindlichen Hinterland eingesetzten Militäreinheiten, beschäftigen, sticht eine Tatsache klar heraus: Die Unterstützung der Bevölkerung ist der entscheidende Faktor. Nur wenn sie tatsächlich von der Bevölkerung geschützt, versorgt, informiert werden, haben Partisanenbewegungen Erfolg. Dann sind es allerdings auch wirkliche Bewegungen mit einem politischen Anspruch, die wachsen können. Dafür müssen sie im Interesse dieser Bevölkerung agieren, was sich auch in der Wahl der Ziele und ihrer Vorgehensweise widerspiegeln muss.

Selbst wenn man davon ausginge, dass die ukrainischen Bandera-Fans es unterlassen, sich wie ihre historischen Vorbilder zu verhalten (worauf die bisherigen Berichte aus der Ukraine nicht gerade hinweisen) – gäbe es denn eine politische Grundlage für eine Partisanenbewegung gegen die russische Armee?

Lassen wir einmal die komplizierte Frage einer sowjetischen Nation bei Seite und gehen nur von einer ukrainischen Nation aus. Ist die gegenwärtige Regierung in deren Interesse? Kaum. Sie ist vollständig von außen gesteuert und hat objektiv im Grunde immer gegen die Interessen der ukrainischen Bevölkerung agiert; weder ökonomisch noch politisch ist in den vergangenen acht Jahren irgendeine positive Leistung zu vermerken. Das Land verarmte kontinuierlich weiter und der Umgang mit den eigenen Truppen, den man beobachten kann, ist nicht gerade von Respekt vor den dort lebenden Menschen geprägt. Das gilt nicht nur für die Bewohner des Südostens, die nach zahlreichen Berichten eher wie Feinde behandelt werden, sondern auch für die Soldaten der ukrainischen Armee, die erbarmungslos verheizt werden.

Auch wenn im Westen beharrlich das Gegenteil behauptet wird – die Ukraine ist spätestens seit 2014 nicht mehr souverän. Worauf könnte sich also eine Partisanenbewegung berufen? Die einzige realistische Option auf Souveränität ergäbe sich, wenn das Land in Bezug auf die globale Frontlinie zwischen dem Westen und dem sich um Russland und China bildenden Block neutral wäre. In der gegenwärtigen politischen Elite der Ukraine hat diese Neutralität aber keine Basis und seitens des Westens ist sie ja gerade das, was mit allen Mitteln verhindert wurde; und das bedeutet zugleich, dass kein politischer Akteur verfügbar ist, der diese Option auch nur anstrebt.

Das Einzige, worauf sich Selenskij berufen kann, ist ein entleerter Begriff einer Nation, ein sakralisiertes Nichts, das keine Verbindung zum konkreten Alltag der Menschen hat. Für den Versuch, daraus eine Partisanenbewegung zu backen (wie gesagt, selbst wenn die widerlichen Traditionen außen vor blieben), gäbe es also nur einen sehr begrenzten Zeitrahmen, weil jede konkrete Verbesserung diesen leeren Begriff bedroht. Zu den nationalen Interessen zählen nun einmal auch die Lebensbedingungen der Bevölkerung, und da ist für die meisten Ukrainer viel Raum nach oben.

Natürlich hinterlassen mindestens acht Jahre wildester nationalistischer Propaganda ihre Spuren. Sollten die russischen Truppen bis zur westlichen Grenze der heutigen Ukraine vorstoßen, würde die Anfangszeit in Galizien sicher nicht einfach. Schließlich wurde viel Mühe darauf verwandt, den Ukrainern einzureden, sie seien den Russen irgendwie genetisch überlegen und letztere wären von Natur aus bösartig. Aber solche Geschichten halten sich am besten, wenn sie ohne Kontakt zur Wirklichkeit bleiben; das zeigt sich selbst in der unterschiedlichen Wirksamkeit solcher Propaganda im Westen und im Osten Deutschlands.

Wenn man davon ausgeht, es gäbe zumindest zu Beginn eine breitere Basis, um solche Truppen zu bilden, dann zöge dies noch eine ganze Reihe weiterer Probleme nach sich. Abgesehen von den Fällen, in denen sie es mit im Kern bereits geschwächten Gegnern zu tun hatten (wie gegen Batista in Kuba), waren Partisanentruppen in der Regel auf Unterstützung von außen angewiesen.

Die sowjetischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg legten ganze Flugplätze in den Wäldern an, über die sie Nachschub erhalten konnten. Auch die französische Résistance war zu der Zeit am wirksamsten, in der sie über den Kanal hinweg versorgt wurde. Die Bedingungen dafür haben sich allerdings seit dem Zweiten Weltkrieg verändert. Flugplätze in Wäldern? Würden nur einen Satellitenüberflug überdauern. Unterstützung durch aus Flugzeugen abgeworfenes Material? Schöne Grüße von der russischen Luftabwehr, die unbestritten die weltbeste ist. Nachschub über die Grenze, beispielsweise aus Polen? Eine moderne Grenzsicherung arbeitet mit Wärmebildkameras, das macht so etwas zumindest deutlich komplizierter. Und würde auch verhindern, das Nachbarland als sicheres Hinterland zu nutzen.

Selbst eine reale, politisch legitime und von der Bevölkerung mitgetragene Partisanenbewegung hätte es schwer gegen einen Gegner, der alle aktuellen technischen Mittel einsetzen kann. Das gilt auch mitten in Städten. Vor einigen Jahren bereits gab es in Deutschland, am Berliner Hauptbahnhof, Versuche, Gesichtserkennung bei Live-Aufnahmen mitlaufen zu lassen. Das bedeutet, technisch ist es inzwischen möglich, Aufnahmen mit Katalogen gesuchter Personen ohne Zeitverzögerung abzugleichen. Und die Kataloge wurden und werden über die sozialen Medien bereitwillig geliefert; eine Tatsache, die sich der ukrainische Unterdrückungsapparat bereits ausgiebig zunutze machte, die aber ebenso gut in der anderen Richtung funktioniert, wie es jetzt bereits bei der Identifikation ukrainischer Kriegsverbrecher geschieht.

Truppen, die auf reinen Terror setzen, wie das die UPA nach 1945 tat, sind in den Griff zu bekommen; das hat Russland in Tschetschenien und das haben die Chinesen in Xinjiang bewiesen. Dazu braucht es natürlich politische Maßnahmen, die zum einen die Lebensverhältnisse der Bevölkerung verbessern und zum anderen aktiv die zugrundeliegende Ideologie bekämpfen, aber es ist ein lösbares Problem. Wenn man betrachtet, in welchen Zustand sich der Westen gerade selbst versetzt, dürften sich auch die Möglichkeiten einer Unterstützung von außen in Grenzen halten.

Die wahrscheinlichste Variante wäre tatsächlich eine Wiederholung des blanken Terrors der UPA bis hin zum Import der Technik von Selbstmordanschlägen, solange und sofern sich dafür Freiwillige finden ließen, und solange die NATO die Möglichkeit hat, sie zu unterstützen. Aber die politische Gefahr, die davon ausginge, wäre begrenzt, weil ein solches Vorgehen nicht auf die Unterstützung der Bevölkerung rechnen kann, und ihre Wirksamkeit wäre keinesfalls groß genug, um eine reale Verbesserung der Lebensverhältnisse zu verhindern. Wirkliche Partisanen, die für Selenskij kämpfen, wird es nie geben.

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